Keiner muss draußen bleiben - 44 Erfolgsmodelle gegen Jugendarbeitslosigkeit

Keiner muss draußen bleiben - 44 Erfolgsmodelle gegen Jugendarbeitslosigkeit

von: Michael Jungblut

Linde Verlag Wien Gesellschaft m.b.H., 2014

Format: ePUB, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 11,99 EUR

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Keiner muss draußen bleiben - 44 Erfolgsmodelle gegen Jugendarbeitslosigkeit


 

Die Jagd auf den Nachwuchs nimmt gelegentlich skurrile Formen an: Die einen locken mit Dienstwagen. Die anderen lassen Mitarbeiter im Weltraumanzug zwischen Kühlregalen schweben. Sparkassen sehen die Zeit für Helden gekommen und suchen den dazu passenden Super-Azubi. Eine Sparda-Bank setzt ihre Hoffnungen offenbar eher auf Feen und wirbt mit Zauberwesen in Weiß. Die Arbeiterwohlfahrt verspricht dem Nachwuchs „Hauptrollen“. Polizisten rappen in einem Werbeclip oder singen alberne Kinderlieder. Eine Feuerwehrchefin schreckte nicht einmal vor schlüpfrigen Anzeigentexten zurück. Dabei wollen alle nur das eine: Jugendliche mit allen Mitteln auf sich aufmerksam machen. Denn wer sie nicht als künftige Fachkräfte gewinnen kann, hat schon verloren.
Der Gegensatz könnte nicht größer sein: Während sich die Jugendarbeitslosigkeit in Ländern wie Spanien, Portugal, Frankreich, Italien oder Griechenland zu einer sozialen Katastrophe entwickelt hat, machen die Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Jagd auf den Nachwuchs. Kein Wunder: Schon jetzt ist der Mangel an Fachkräften für einige Branchen und Betriebe schmerzlich spürbar, in wenigen Jahren kann er existenzbedrohend sein. Daher wird der Wettbewerb am Ausbildungsmarkt immer härter. Während die Gewerkschaften noch vor wenigen Jahren auch bei uns über einen gravierenden Mangel an Ausbildungsplätzen klagten, hat der Notstand inzwischen einen anderen Namen: Nachwuchsmangel.
Keiner muss draußen bleiben Kein Zweifel: Ohne eine ausreichende Zahl von Fachkräften gerät der Wirtschaftsstandort Deutschland in Gefahr. Die demografische Zeitbombe tickt immer lauter. Der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern bedroht nicht nur Wachstum und Wohlstand, sondern auch die Stabilität der Rentensysteme. Sie zwingt nicht nur in der Kranken- und Altenpflege zum Umdenken. Ohne Lokführer und Stellwerkpersonal bleiben die Züge stehen. Ohne Lehrernachwuchs fallen immer mehr Stunden aus. Ohne junge Ingenieure können keine konkurrenzfähigen Exportprodukte entwickelt und ohne hochqualifizierte Facharbeiter auch nicht produziert werden.
Doch so paradox es klingt: Trotz des Nachwuchsmangels bleiben weiterhin zahlreiche Jugendliche auf ihrem Weg in die Berufs- und Arbeitswelt auf der Strecke oder kommen nur auf großen Umwegen ans Ziel. Manchen droht Dauerarbeitslosigkeit. Im Extremfall stehen am Ende ihres Weges Alkohol- und Drogenabhängigkeit oder ein Abgleiten in die Kriminalität.
Die Situation hat sich seit einigen Jahren zwar leicht verbessert, aber bundesweit verlassen immer noch sechs Prozent der Hauptschüler die Schule ohne Abschluss. In einzelnen Bundesländern sind es sogar deutlich mehr (fast zwölf Prozent in Mecklenburg-Vorpommern, über zehn Prozent in Sachsen, 9,7 Prozent in Berlin, acht Prozent in Bremen). Bildungsexperten argwöhnen zudem, dass die etwas besseren Ergebnisse nur dadurch erreicht werden, dass die Anforderungen gesenkt wurden. Überdies dürfen die Durchschnittsergebnisse nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Noten bei Schulen, die inmitten „sozialer Brennpunkte“ liegen, noch deutlich schlechter ausfallen. So schafft im Berliner Wedding rund ein Drittel der Schüler den Hauptschulabschluss gar nicht. Bei einem weiteren Drittel sehen die Zeugnisse so jämmerlich aus, dass sie bei jeder Bewerbung zur Belastung werden.
Das bedeutet: Jahr für Jahr endet für über fünfzig- bis sechzigtausend Jungen und Mädchen die Schulzeit mit einer persönlichen Niederlage. Die Folge ist, dass auch ihre ersten Schritte ins Berufsleben mit einer Pleite beginnen. Als Antwort auf ihre Bewerbungen kommt fast immer eine Absage. Addiert man die „Schulversager“ zu denen, die es gerade mal so eben geschafft haben, dann zeigt sich, dass auch in Deutschland jedes Jahr rund hunderttausend junge Menschen die Schule verlassen, die kaum eine Chance haben, sich einen besseren Platz im Leben zu erarbeiten als ihre Eltern. Eine „Aufsteigergesellschaft“ sieht anders aus.
Auch unter den Absolventen, die es irgendwie geschafft haben, sind viele Jugendliche, die nicht wissen, wie es für sie weitergehen soll. Jahr für Jahr suchen Zehntausende von ihnen viele Monate nach dem letzten Schultag immer noch vergeblich nach einem Ausbildungsplatz. Ende 2013 gab es rund 84.000 Jugendliche, die noch keinen Fuß in die Tür bekommen hatten. Trotzdem klagte Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) im Mai 2014, der „Mangel an betrieblich ausgebildeten Fachkräften spitzt sich zu“. Tatsächlich sind mit 525.000 Ausbildungsverträgen 23.700 (4,3 Prozent) weniger abgeschlossen worden als noch im Jahr 2012. An dieser Diskrepanz wird sich wohl auch in den nächsten Jahren wenig ändern – wenn sich nichts ändert.

Ali und Hakan haben es (noch) schwerer als Tim und Lukas
Für die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage gibt es viele Gründe. So hat sich in vielen Unternehmen die Meinung verfestigt, dass ihre Nachwuchskräfte das Abitur oder zumindest einen Realschulabschluss in der Tasche haben müssen, um den betrieblichen Anforderungen gewachsen zu sein. Nicht einmal mehr jeder zehnte Betrieb will Hauptschüler als Azubis akzeptieren, klagen die Gewerkschaften. Das bedeutet, dass diesen Jugendlichen mehr als die Hälfte aller Ausbildungsberufe gänzlich verschlossen bleibt – selbst dann, wenn sie einen guten Hauptschulabschluss vorweisen können. Dabei sagen Schulzeugnisse herzlich wenig darüber aus, wie sich jemand später im Beruf bewährt und wie sehr manche aufblühen, wenn sie endlich eine echte Aufgabe bekommen.
Doch es liegt nicht nur an den überzogenen und falschen Erwartungen künftiger Arbeitgeber, wenn so viele Jugendliche beim Einstieg ins Berufsleben stolpern. Auf deren Seite gibt es ebenfalls Gründe für den „Mismatch“ zwischen Angebot und Nachfrage am Ausbildungsmarkt, echte und vermeintliche. Dazu zählen: falsche oder unzureichende Berufsorientierung, soziale Herkunft, mangelnde Sprachkenntnisse, hilfloses oder desinteressiertes Elternhaus, fehlende Motivation. Auch geistige und körperliche Behinderung sind Hürden, die viele Jugendliche nicht ohne gezielte Hilfe überwinden können. Ja, selbst ein „falscher“ Name kann dazu führen, dass wertvolle human resources vergeudet werden. Wie die 2014 vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration veröffentlichte Studie „Diskriminierung am Arbeitsplatz“ zeigt, hat ein Bewerber, der Hakan oder Ahmed heißt, deutlich geringere Chancen als ein Tim oder Lukas. Das gilt auch dann, wenn sie sich – wie bei den Testbewerbungen – mit nahezu identischem Lebenslauf und den gleichen Schulnoten um einen ausgeschriebenen Ausbildungsplatz bewerben.
Keiner muss draußen bleiben Was hier am Beispiel von 1.794 zufällig ausgewählten Unternehmen durch die Studie nur theoretisch erfasst wurde, sieht in der Realität noch schlimmer aus. Denn da kann es sein, dass bei Ahmed und Hakan trotz gleicher Leistungen signifikant schlechtere Noten im Zeugnis stehen als bei Tim und Lukas. Andere Untersuchungen zeigen nämlich, dass sich viele Lehrer bei Beurteilungen und Notenvergabe unbewusst von der sozialen Herkunft ihrer Schüler beeinflussen lassen. Dieses Schicksal teilen Hakan und Ahmet allerdings mit den Kevins, Ronnys und Justins dieser Welt. Denn auch bei ihnen gilt offenbar für viele Pädagogen: nomen est omen. Dafür steht auch der vielzitierte Ausruf einer Lehrerin: „Kevin ist kein Name. Das ist eine Diagnose.“
Selbst dann, wenn sachfremde Einflüsse keine Rolle spielen, bedeutet das noch lange nicht, dass alle Schulabgänger eine ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechende Ausbildung erhalten. Ein Indiz dafür ist, dass rund zwanzig Prozent der Jugendlichen, die einen Platz im Dualen Ausbildungssystem gefunden haben, ihre Lehre vorzeitig abbrechen, wie aus einem Arbeitsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) hervorgeht. In konkreten Zahlen sind auch das wieder weit über hunderttausend junge Menschen, die offenbar ohne hinreichende Vorbereitung und mit falschen Vorstellungen in die Berufswelt hineingestolpert sind.
Zwar beginnen viele dieser Abbrecher später eine neue Ausbildung. Aber selbst wenn sie die neue Lehre schließlich erfolgreich abschließen, haben sie einen zeitraubenden Umweg hinter sich. Viele verschwinden auch nur deshalb aus der Arbeitslosenstatistik, weil sie zusammen mit denen, die am Ende der Schulzeit den Einstieg in eine berufliche Ausbildung oder ins Studium verpatzt haben, eine der zahlreichen „Maßnahmen“ im sogenannten Übergangssystem absolvieren, die von der Arbeitsagentur, den Kommunen oder anderen Einrichtungen angeboten werden, um die jungen Leute von der Straße zu bekommen. Denn diese „Beschäftigungstherapie“ führt leider in vielen Fällen doch nicht zu einem regulären Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis. Die meist nur widerwillig ertragene Verlängerung der Schulzeit mit anderen Mitteln endet oft in Hilfsarbeit oder Dauerarbeitslosigkeit. Und ein Entkommen aus dieser Sackgasse wird in Zukunft trotz des tendenziell zunehmenden Arbeitskräftemangels eher noch schwerer: Nach Berechnung des BiBB wird der Bedarf der Wirtschaft an Arbeitskräften ohne abgeschlossene Berufsausbildung bis zum Jahr 2030 um weitere 900.000 Personen abnehmen. Und das, obwohl im gleichen Zeitraum in Deutschland 10,5 Millionen Menschen aus dem Berufsleben ausscheiden und nur 7,5 Millionen Jüngere nachrücken. „Handlanger“ haben in dieser, von Demografie und Technik radikal veränderten Welt keine Zukunft.